Call for Papers

Entgrenzung in der Kommunikationswissenschaft


Thema

Entgrenzung ist ein Schlagwort, das seit einigen Jahren die populäre aber auch wissenschaftliche Debatte kennzeichnet. Auch in den Medien- und Kommunikationswissenschaften ist der Begriff angekommen. So ist es unumstritten, dass das Fach auf Ebene der Material- wie auch Formalobjekte solche Entgrenzungsprozesse durchlebt hat. Sei es nun durch die Auflösung und Transformation von herkömmlichen Modellen der Massenkommunikation, durch die Ubiquität in Zeit und Raum durch neue Medien oder die zunehmende Vermengung unterschiedlicher Teilsysteme durch Kommunikationspraktiken – meist stehen hinter diesen Prozessen Neubewertungen und, damit verbunden, Neuausrichtungen, Entdifferenzierungen und Negationen von bisherigen Grenzen. Diese medialen Phänomene der Entgrenzung gehen einher mit einer neuen Komplexität, die neue Theoriebezüge und Analysestrategien notwendig macht. Ziel der Tagung ist es, diese Grenzverschiebungen und / oder Auflösungen theoretisch und konzeptuell zu beschreiben und zu diskutieren, was Entgrenzung für die Medien- und Kommunikationswissenschaften bedeutet.

 


Konkrete Fragestellungen können unter anderem sein:

 

1. Entgrenzungen der Disziplin Kommunikationswissenschaft

Die Medien- und Kommunikationswissenschaft hat als interdisziplinäre Sozialwissenschaft eine über 100-jährige Geschichte hinter sich. Methodologisch wie auch konzeptuell standen hierbei auch immer Fragen zur Abgrenzung von und Annäherung an andere Fachdisziplinen zur Debatte. Gleichzeitig sah beispielsweise Saxer (1995) bereits durch die Transformation von der Publizistik zur Kommunikationswissenschaft eine Gefahr der Überdehnung. Was bedeutet diese immer schwierigere Konkretisierung des Gegenstandsbereiches daher für die Medien- und Kommunikationswissenschaft? Entgrenzen wir unseren Gegenstandsbereich langsam? Wo bleiben die Unterschiede zu anderen Fachrichtungen? Und bedarf es bei einer integrativen Sozialwissenschaft überhaupt einer Debatte zu diesen Fragestellungen?

 

2. Entgrenzung gesellschaftlicher Sphären durch moderne Kommunikations-technologien

Durch die ubiquitäre Informations- und Kommunikationstechnologie sind wir heute räumlich und zeitlich flexibel, die Nutzung ist durch ein hohes Maß an Autonomie gekennzeichnet. Damit verschwimmen vormals geltende Grenzziehungen wie Arbeit und Freizeit, öffentlich und privat, mobil und stationär. Welche Auswirkungen haben solche Grenznegationen auf das Nutzungsverhalten? Wie ist eine Allgegenwärtigkeit der Medien überhaupt für die Rezipient*Innen erfahrbar? Ist es angesichts der konvergenten Medienentwicklung überhaupt noch sinnvoll, zwischen Produzent*Innen und Rezipient*Innen zu unterscheiden?

 

3. Entgrenzung von Mediengattungen und Medieninhalten

Nicht nur Sphären der Gesellschaft durchlaufen einen Entgrenzungsprozess, auch kon-vergieren die unterschiedlichen Mediengattungen immer stärker. So ist das Smartphone heute nicht nur ein Mobiltelefon, sondern mit seiner Hilfe lassen sich nahezu alle wichtigen Dinge des Alltags regeln. Ebenso werden soziale Online-Netzwerke nicht ausschließlich zur Kommunikation genutzt, sondern auch zur Unterhaltung und Informationssuche. Mediale Inhalte erscheinen gleichzeitig als Serien, als Spiel und als Webangebot. Hier stellt sich beispielsweise die Frage, wie wir den Grad an Entgrenzung messen können. Wie verändert sich unser materielles Verhältnis zu den Medien? Wie sieht die zukünftige Entwicklung aus – Stichwort Web 4.0?

 

4. Entgrenzung von sozialen Beziehungen (Mikrokoordinierung, Paar-Rituale, Entfremdung etc.)

Auch unsere sozialen Beziehungen und die damit verbundenen kommunikativen Praktiken haben sich dem heutigen allgegenwärtigen In-Situ-Lifestyle angepasst. So informieren wir beispielsweise andere Personen von unterwegs, dass wir die Bahn verpasst haben. Objektive Vereinbarungen haben somit an Relevanz eingebüßt. Gleichzeitig werden neue Rituale aufgenommen, wie z. B. Nachrichten in partnerschaftlichen Beziehungen, oder WhatsApp-Gruppen von Familien und Freundeskreisen. Wie sehen hier die Nutzerinten-tionen aus? Was sind die sozialen Folgen von diesen Praktiken? Wie wirken sich diese Entgrenzungen auf die Stärke der sozialen Kohäsion aus?

 


Auch andere Einreichungen zum Phänomen der Entgrenzung jenseits der vorgeschlagenen Phänomene sind willkommen.

 

Wir möchten alle Interessierten einladen, sich an der Tagung zu beteiligen. Auch nicht-promovierte Kolleg*Innen sind eingeladen, ihre Dissertationskonzepte im Rahmen eines Nachwuchsfensters einzureichen, das während der Tagung veranstaltet wird. Bitte kennzeichnen Sie diese Einreichung für ein gesondertes Feedback durch eine*n Respondent*In. Für die Dissertationsskizzen gelten die dieselben Anforderungen wie für die anderen Einreichungen.


Prozedere


Alle Einreichungen werden in einem anonymisierten Peer-Review-Verfahren nach den üblichen Kriterien begutachtet.

 

Wir bitten um Einreichungen von anonymisierten Abstracts mit separatem Deckblatt für Einzelvorträge (max. 800 Wörter) im PDF-Format bis einschließlich 30. April 2018 via E-Mail an mediensoziologie18@uni-rostock.de. Die Auswahlentscheidung wird im Juli 2018 bekannt gegeben.

 


Organisationsteam der Universität Rostock

Stephan Oliver Görland

Dr. Christine Linke

Prof. Dr. Elizabeth Prommer

 

Ansprechpartnerin für die DGPuK FG Soziologie der Medienkommunikation

Dr. Sigrid Kannengießer